LOST IN TIBET, ALMOST - EIN EXPEDITIONSBERICHT

William vom NEUALP-Team berichtet von seiner Tibet-Expedition, die ihm auf über 5.000 m fast zum Verhängnis geworden wäre. Wie es dazu kam und welche Lehren er daraus zog, lest ihr hier, in unserem ersten Blogbeitrag.

 

English Version

 

Wenn Menschen von besonderen Erlebnissen und Reisen berichten, dann geht es in ihren Erzählungen eher um schöne Strände oder tolle Abende in einer romantischen Stadt. Eine der besten Erfahrungen meines Lebens war dagegen – im Rückblick – eine Nahtoderfahrung in Tibet im Jahr 2011 auf einer Höhe von 5.374 Metern während eines Schneesturms.

 

Nach meinem Studium wurde ich von der China Exploration and Research Society (CERS) gefragt, ob ich Teil ihres Teams einer für 2011 geplanten Expedition zur Quelle des Flusses Salween im tibetischen Hochland werden möchte. Die CERS hatte bereits mehrere Quellgebiete großer asiatischer Flüsse erkundet und im Jahr 2007 sogar die Quelle des Jangtse neu definiert. Ich war begeistert, meine Fähigkeiten als Geograf und Kartograf unter Expeditionsbedingungen unter Beweis stellen zu können. Obwohl ich gerne Landkarten anfertige, bin ich eigentlich kein Büromensch und gehe immer gern nach draußen und erkunde Orte selbst.

 

Die Expedition begann mit sorgfältiger Planung, ausreichend Vorräten und einem großen Team, das sich aus verschiedenen Experten zusammensetzte. Da Tibet über eine faszinierende Flora und Fauna verfügt, befanden sich in unserem Team eine Reihe von Biologen. Daneben gab es Köche, Fahrer, einen tibetischen Führer und mich. Insgesamt waren wir mit 15 Personen eine relativ große Gruppe, die sich – verteilt auf vier Land Rover, drei Defender und einen Discovery – auf eine lange Reise durch China begab. Ich schloss mich zu einem frühen Zeitpunkt dem Team an und wir reisten gemeinsam von Kunming in der Yunnan-Provinz bis nach Dunhuang in der nördlichen Gansu-Provinz. Eine lange, imposante Reise über 2.859 km mit beeindruckenden Bergen, wechselnden Straßenbedingungen und interessanten Sehenswürdigkeiten. In Dunhuang angekommen, bereiteten wir uns auf die Reise in den Süden Tibets vor und weitere Expeditionsmitglieder stießen hinzu, um unser Team zu vervollständigen.

 

 

 

 

Als „Hauptnavigator“ half ich bei der Ausarbeitung der Route, um an die Quelle des Flusses Salween zu gelangen. Zu meiner Aufgabe gehörte auch die ständige Kontrolle unseres Kurses, um sicherzustellen, dass wir uns tatsächlich auf dem Weg zur Quelle befanden. Mit den neuesten Satellitenbildern, multispektralen Bildern und jeder Menge neuerer und älterer Karten auf meinem Tablet schien die Quelle relativ leicht erreichbar zu sein. Zudem gab es Fahrspuren, die zur Quelle führten. Es schien fast "zu einfach" und etwas Enttäuschung machte sich in mir breit. Es wirkte, als könnten wir einfach zur Quelle hinauffahren, unsere Sachen erledigen und wieder davonziehen. Aber später sollte sich zeigen, wie falsch wir alle mit dieser Annahme lagen. Wir beschlossen, die südliche Route entlang des Nebenflusses zu nehmen, da diese die meisten Fahrspuren aufwies und am gangbarsten schien. China ist riesig und niemand von unserem Team war jemals in dieser Region zuvor gewesen. Zumindest aber hatten wir einen tibetischen Übersetzer bei uns.

 

Unsere Expedition begann mit großem Tamtam und Filmaufnahmen. Aus fast allen CERS-Expeditionen entstehen am Ende kurze Dokumentationen oder Videos mit Zusammenfassungen der Reise. Die Straße, die von Dunhuang in Richtung Lhasa führte, schien recht neu und war vom Zustand her dementsprechend gut. Wir hatten das Glück, die Qinghai-Tibet-Bahn vorbeifahren zu sehen, die nicht nur wegen der Streckenführung eine technische Meisterleistung darstellt, sondern auch wegen der speziellen Wagons, die im Inneren aufgrund der extremen Höhenunterschiede den Luftdruck ausgleichen. Ein kleinerer Sandsturm sorgte auf unserer Fahrt für Spannung und irgendwann verließ unsere Karawane den Komfort der Autobahnen und wir wechselten auf unbefestigte Wege. Zunächst schien alles ziemlich einfach, als wäre es nur eine kleine Offroad-Tour, wie ich sie zuhause mit meinem Jeep schon gemacht hatte. Innerhalb weniger Kilometer unserer geplanten etwa 40 km langen Offroad-Fahrt stießen wir jedoch auf tiefen Schlamm. Schlamm, so weit das Auge reicht. Obwohl der Boden fest zu sein schien, war es tatsächlich eine auftauende Tundra, die unsere Land Rover mehr oder weniger verschlang. Unser Abenteuer hatte begonnen.

 

Ein Landrover zog den anderen, und mit der Hilfe von Winden, Planken und noch mehr Winden arbeiteten wir uns in diesen Schlammfeldern langsam voran. Am Ende hatten wir in 12 Stunden lediglich ein paar wenige Kilometer zurückgelegt. Wir waren erschöpft und entschieden, dass wir in diesem Tempo unmöglich bis zur Quelle fahren konnten. Wir fanden einen geeigneten Lagerplatz in der Nähe eines kleinen Wasserlaufes und einiger Trümmer früherer Häuser umherziehender Nomaden und errichteten unser Basislager auf einer Höhe von 4.907 m und in einer Entfernung von 23,9 km zum Fuß der Gletscherquelle. Nach ein paar Tagen und mit der Hilfe unseres tibetischen Guides sowie des nötigen Bargelds, standen unserem Expeditionsteam Ponys für die Weiterreise zur Verfügung. Am nächsten Morgen brachen wir zur Quelle auf. Es war ein perfekter Tag mit einem perfekten blauen Himmel und einem atemberaubenden Blick auf das Tanggula-Gebirge. Ich finde es immer faszinierend, wie klein die Berge in Tibet erscheinen, da man sich bereits auf 5.000 m befindet. Ein Gipfel von vielleicht 6.000 m wirkt daher nicht so riesig, weil der Höhenunterschied lediglich 1.000 m beträgt.

 

 

 

 

Mit all unserer Ausrüstung kamen wir auf unseren Ponys recht zügig voran und teilten uns schließlich in zwei Gruppen. Zusammen mit einem Biologen bildete ich die Nachhut unserer Gruppe. Da er kein Pony besaß, wechselten wir uns beim Reiten ab, wobei unser Pony wohl das störrischste in ganz Tibet war. Indem wir früh aufgebrochen waren und keine großen Höhenmeter mehr vor uns hatten, schien es, als hätten wir alle Zeit der Welt. Dennoch waren wir recht zügig unterwegs. Sowohl unser Ziel als auch die andere Gruppe waren deutlich sichtbar und wir fühlten uns in guter Verfassung. Was konnte unter diesen Bedingungen schief gehen?

 

Am frühen Nachmittag verdunkelte sich schnell der Himmel und das Wetter wechselte in weniger als einer Stunde von einem typischen Sommertag auf Temperaturen von unter null Grad. Wir versuchten, die andere Gruppe zügig einzuholen, verloren sie aber außer Sicht, als sie um einen Gipfel herumging. Ein nasser Schneefall setzte ein. Da sich unser Pony weigerte, weiter zu gehen, die andere Gruppe außer Sicht und uns bereits kalt vom Wind und Schnee war, nahmen wir uns einen Moment Zeit, um unsere Möglichkeiten auszuloten. Wenig später sahen wir glücklicherweise die zweite Gruppe auf uns zukommen, die sich auf dem Rückweg befand, nachdem sie bereits am Gletscher gewesen war und dort ein paar Fotoaufnahmen gemacht hatte. Nun waren sie in Eile, um zum Basislager zurückzukehren, bevor das Wetter noch extremer werden würde. Weil wir nach wie vor ein Pferd zu wenig hatten, bot ich an, der Gruppe auf dem Rückweg zu Fuß zu folgen, da ich nicht nur der jüngste war, sondern als Navigator auch am ehesten nicht verloren gehen würde. Innerhalb der ersten paar hundert Meter wurde jedoch klar, dass sich die Bedingungen noch verschlechtern würden. Der Schneefall entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Schneesturm, und ich verlor schnell den Kontakt zur Gruppe vor mir. Die Sicht reichte bestenfalls einige wenige Meter. Ich nahm mein GPS zur Orientierung zu Hilfe und schlug die entsprechende Richtung, während ich mich zugleich auf eine lange Wanderung bei Kälte und rasch einsetzender Dunkelheit einstellte. Meine Pechsträhne war jedoch noch nicht vorüber. Mich bei eingeschränkter Sicht auf schneebedecktem und unbekanntem Terrain bewegend, stand ich auf einmal bis zu den Knien in einem Wasserlauf. Beide Beine und Füße waren sofort komplett nass. Mir war klar, dass diese Situation angesichts der winterlichen Bedingungen nicht gut sein konnte. Ich hatte zwar ein paar zusätzliche Socken für ein solches Szenario eingepackt, die nun jedoch ein Freund trug, dem ich sie zuvor geliehen hatte. 

 

 

 

 

Mein anfänglich scheinbar recht leicht zu bewältigendes Abenteuer hatte sich auf einmal in einen Kampf ums Überleben verwandelt. Ich wusste, dass ich in die richtige Richtung ging und auch, dass es noch 20 km bis zum Basislager waren. An jeder Erhöhung hielt ich Ausschau nach der Gruppe und immer wieder war mir, als hätte ich sie gesehen und Hoffnung keimte in mir auf. Aber meine Augen machten mir jedes Mal nur etwas vor. Angesichts der einsetzenden Nacht, nass-eiskalter Füße und eines nahezu leeren GPS-Akkus gingen mir alle möglichen Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf. Zuerst dachte ich wütend darüber nach, was ich denen wohl sagen würde, die mich in diese Situation gebracht hatten. Bald begann ich jedoch, meine Situation zu akzeptieren und fand Verständnis, schließlich handelte es sich um eine Expedition, die, wie sich herausstellte, sogar so fordernd war, wie ich es mir zu Beginn erhofft hatte. Nach einer kurzen Pause im Schnee entschied ich mich, vom Kurs abzuweichen und einen höheren Bergrücken hinaufzusteigen, um zu sehen, ob ich meine Gruppe oder eine Unterkunft finden konnte. Mir war bewusst, dass dies wohl meine letzte Hoffnung sein würde und entschied, so lang weiterzugehen, wie ich konnte, aber mein Optimismus war aufgebraucht. Ich kletterte auf den letzten Bergrücken, hockte mich hin und warte darauf, dass der Schnee etwas weniger wurde, um zu sehen, ob es am Horizont irgendetwas gab, woraus ich Hoffnung schöpfen konnte. Ich war so müde, hätte ich mich aber hinlegt, dann wäre dies wohl das Letzte gewesen, was ich jemals getan hätte. Nach ein paar Minuten legte der Schnee eine kurze Pause ein und ich nutzte sofort die Gelegenheit, um nach möglichen Anzeichen menschlichen Lebens Ausschau zu halten. Sehr zu meiner Überraschung konnte ich in der Ferne eine kleine Hütte erkennen, die von einer Herde Yaks umgeben war. Wenn dies meine Chance war, dann würde ich sie nutzen, dachte ich mir. Mir gelang es, die Anhöhe hinabzuklettern und das Tal zu durchqueren und öffnete ohne Anzuklopfen oder ein Wort zu sagen die Türe der Hütte.

 

Zu meiner Verwunderung saß in der kleinen Hütte fast das gesamte Team. Alle sahen ausgefroren, nass und erschöpft und einfach nur dankbar aus, am Leben zu sein. Die Augen schauten auf mich und man freute sich, mich zu sehen. Ich wurde gefragt, ob ich das letzte vermisste Teammitglied gesehen hätte, das während des stärksten Schneefalls von der Gruppe getrennt wurde. Ich hatte leider niemanden gesehen. Ich war froh, dass ich mich in der Hütte aufhielt, um meine Füße an dem mit getrocknetem Yak-Dung beheizten Feuer zu wärmen. Das Team sprach wenig, jeder versuchte auf seine Art mit der Situation umzugehen und war dankbar für die Großzügigkeit des Yak-Hirten. Er hatte warme Yak-Milch für uns zu trinken und die Hütte wurde gut geheizt. Ein zweiter Hirte wurde ausgesandt, um nach dem vermissten Teammitglied zu suchen. Nach einigen Stunden kehrte er mit der Nachricht zurück, dass das vermisste Teammitglied in einer kleineren Hütte hinter dem Bergrücken in Sicherheit sei. In dem Wissen, dass das gesamte Team nun sicher war, schliefen wir ein. Der Schlafplatz, den wir uns gemeinsam teilten, war mit Jacken, Yak-Fellen, Stoffbahnen und allem, was Wärme spendete, zugedeckt. Unser „Nahtod-Abenteuer“ war vorbei, wir hatten überlebt und waren einfach dankbar, dass es allen gut ging.

 

 

 

So was hat mich diese Expedition letztlich gelehrt?

 

Mir wurde vor allem klar, wie wichtig es ist, sich auf das Unerwartete einzustellen. Auch wenn, wie in unserem Fall, das Wetter schön ist und das Auge unendlich weit sehen kann, so kann man doch nie vorhersehen, was sich am Horizont hinter den Bergen abspielt und was auf einen wartet. Eine weitere wichtige Lektion war die Erkenntnis, wie wichtig geeignete Ausrüstung und Bekleidung ist – es ist verblüffend, was der menschliche Körper in der Lage ist auszuhalten, wenn man richtig ausgerüstet ist. Eine Expedition ohne eine entsprechende Ausrüstung legt es gewissermaßen darauf an, dass das Unerwartete eintritt. Die größte Lektion war für mich schließlich, dass man die jeweilige Situation, in der man sich befindet, akzeptieren muss und nicht hadert. Man kann nie auf alles hundert Prozent vorbereitet sein, man kann nie alles Notwendige bei sich haben und nie alles wissen, aber wenn man seine Situation akzeptiert und nicht aufgibt, dann kann man mit allem umgehen, egal welche Herausforderungen einem in den Weg gestellt werden.

 

William Ruzek